Komplexe Hochschule

Instandsetzung und Erneuerung des Hochhauses C10 der Hochschule Darmstadt

Weithin sichtbar steht das Hochhaus der Hochschule Darmstadt im Stadtraum. Mit 60 Metern Höhe und 16 Stockwerken ist der aus den 1960er Jahren stammende Bau wohl bis heute das höchste Gebäude in der Stadt. Einen Neubau auf dem Campus mit vergleichbarer Zeichenhaftigkeit hätten das heutige Bauplanungsrecht und das Budget nicht zugelassen. Nach Grundsanierung und Erneuerung durch das Berliner Architekturbüro Staab Architekten zeigt sich das Hochhaus nun mit einer außergewöhnlichen Fassade in einem komplett neuen Gewand. „Eigentlich eine simple Idee und doch einzigartig mit einer sehr eigenen Ästhetik“, so Projektarchitektin Angelika Egner: „Es gibt keine zweite Fassade dieser Art.“ Herausragend im wörtlichen Sinne ist die Südfassade. 368 dreidimensional gefaltete Fassadenelemente aus hellbronzenen Aluminiumtafeln über die gesamte Front aneinandergereiht, dienen als feststehender Sonnenschutz und rhythmisieren die Fassade.

Volker Staab, Preisträger des Deutschen Fassadenpreises für vorgehängte hinterlüftete Fassaden (VHF) 2013, gibt Einblicke in seine Arbeit und beschreibt die Haltung hinter der Architektur von Staab Architekten.

zoom

Die markanten Sonnenschutzelemente aus eloxiertem Aluminiumblech sind Teil der geschosshohen Fassadenbekleidung und falten sich – wo erforderlich – entsprechend aus. Ihre geometrische Ausgestaltung basiert auf komplexen Simulationen und wurde in Zusammenarbeit mit Transsolar entwickelt. Erreicht wird ein Optimum zwischen Tagesbelichtung und Sonnenschutz. Die 1,87 x 3,87 Meter großen eloxierten Aluminiumelemente sind vorgefertigt und an der Unterkonstruktion der VHF mittels Agraffen befestigt.
Foto: Werner Huthmacher, Berlin

zoom

Die geschlossenen Flächen der Ost- und Westfassade sind als VHF ausgebildet. Gefaltete Aluminiumtafeln mit Vor- und Rücksprung bilden ein rhythmisierendes, senkrechtes Relief.
Foto: Werner Huthmacher, Berlin

In Bezug auf sommerlichen Wärmeschutz, Energieeffizienz und die haustechnische sowie brandschutztechnische Ausstattung entsprach das Hochhaus C10 in keinem Punkt heutigen Anforderungen. Im Zuge der Grundinstandsetzung wurde das Gebäude daher bis auf den Rohbau zurückgebaut, die Fenster ersetzt und die Außenwände mit vorgehängten hinterlüfteten Fassaden ertüchtigt. Im Innern wurden die Wand- und Deckenbekleidungen sowie die Fußböden vollständig erneuert.

Die energetische und formale Wandlung gelang Staab Architekten mit einer durchdachten Gebäudehülle. Sie entwickelten die Eigenheit der jeweiligen Fassadenansicht gemäß der Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen und aus ihrer Lage auf dem Campus beziehungsweise in der Stadt. Die markanten, wartungsfreien Sonnenschutzelemente gen Süden sind Teil der geschosshohen Bekleidung der vorgehängten hinterlüfteten Fassade. Sie sitzen 15 Zentimeter vor den Fenstern und falten sich – wo erforderlich – bis zu 70 Zentimeter aus. Durch die feststehenden Elemente ist der Sonnenschutz auch bei ungünstigen Windverhältnissen gewährleistet.

Vorgehängte hinterlüftete Fassaden sind offen für architektonische Entwicklungen, wie Staab Architekten sie in gestalterisch und technisch perfekter Weise immer wieder forcieren. Mit den Komponenten Dämmung, Unterkonstruktion und Bekleidung bietet das System einen vielseitigen Werkzeugkasten, der je nach Bedarf genutzt werden kann. Staab Architekten führten ihre Gestaltungsvorstellungen zusammen mit Prof. Michael Lange, Berlin und im Dialog mit Transsolar von der Idee in die Realität.

Im Planungsprozess hatte die spezielle Geometrie der Südfassade komplexe Fragen zu Windlasten, Vibrations- und Schwingungsverhalten sowie Geräuschentwicklung und Verhalten im Brandfall aufgeworfen. Das Unternehmen Heinrich Würfel Metallbau, das die komplette Fassade ausführte, checkte Planung und Detaillierung der Aluminium-Konstruktion auf Machbarkeit und ließ ein 1:1 Modell der auskragenden Fassadenelemente im Windkanal prüfen. Für die zügige Montage der 23 Sonnenschutzelemente, die jeweils halb versetzt zum Geschoss in einer Reihe sitzen, entwickelte das Unternehmen die Unterkonstruktion weiter.

Im Unterschied zur Südfassade ist die Bekleidung der Ost- und die Westfassade als senkrechtes Relief aus eloxierten Aluminiumtafeln ausgebildet. So betonen die Architekten die Vertikalität der Schmalseiten und verstärken die optische Wirkung der Proportionen.

„Das Hochhaus C10 ist ein Beispiel eines überzeugenden Einsatzes vorgehängter hinterlüfteter Fassaden, die die Nachkriegsmoderne zeitgemäß weiterdenkt, indem sie dem Haus eine ausgeprägte ‚Strahlkraft‘ verleihen. Der Ansatz überzeugte die Jury in seinem ganzheitlichen Anspruch, der gestalterische Herausforderungen mit funktionalen Erforderlichkeiten in einer beispielhaften Weise miteinander verbindet.“ Aus genannten Gründen zeichnete die Jury das Hochhaus C10 der Hochschule Darmstadt von Volker Staab und seinem Team mit dem Deutschen Fassadenpreis 2013 für VHF aus.


Dieser Text stammt aus der Dokumentation "Ausgezeichnete Architektur" Deutscher Fassadenpreis 2013 für vorgehängte hinterlüftete Fassaden (VHF). Die Dokumentation steht hier zum Download bereit.

Ein persönliches Video-Portrait des Preisträgers Volker Staab finden Sie hier.

Projektdaten

Projekt: Hochschule Darmstadt, Grundinstandsetzung und Erweiterung des Hochhauses C10
Bauherr: Land Hessen vertreten durch Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
sowie Hessisches Ministerium der Finanzen vertreten durch HBM Regional NL Süd
Architekt: Staab Architekten, Berlin
Fassadenplaner: Prof. Michael Lange Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin
Fertigstellung: 2011
Bekleidungswerkstoff: Aluminium, verdeckt befestigt
Unterkonstruktion: Aluminium und Edelstahl
Dämmung: Steinwolle, 160 mm
Verarbeiter: Heinrich Würfel Metallbau GmbH & Co. Betriebs KG, Sontra
Fotograf: Werner Huthmacher, Berlin

 
drucken | empfehlen