Gestaltete Funktionstrennung

Neubau und Sanierung der Gebäude des Instituts für Radiochemie auf dem Forschungsgelände in Garching bei München

Mit dem Planungsauftrag für Neubau und Sanierung des Institutes für Radiochemie auf dem Forschungsgelände in Garching bei München standen die Architekten Golling + Preiss, München (Projektleitung: Tanja Ristic) vor der schwierigen Aufgabe, bei der Materialauswahl Altes und Neues in Einklang zu bringen. Eine vorgehängte hinterlüftete Fassade (VHF) mit Ziegelbekleidung war die perfekte Lösung.

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Das Treppenhaus des neuen Laborgebäudes ist im Kontext zu dem Klinkermauerwerk des Bestandes mit einer vorgehängten LONGOTON-Ziegelfassade bekleidet. Die geschosshohen, senkrecht verarbeiteten Platten nehmen dabei die vertikale Gliederung der WDVS-Fassade wieder auf
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Tony Ott, Landshut)

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Die Eingangshalle verbindet die unterschiedlichen und dennoch von ihrem Ursprung her gleichen Materialien: Das Klinkermauerwerk aus den 70er Jahren (rechts) und seine moderne Interpretation als vorgehängte hinterlüftete Fassade (VHF) mit Ziegelbekleidung
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Tony Ott, Landshut)

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Die Ziegelbekleidung des Treppenhauses ist in die nach vorne hin voll verglaste Eingangshalle hineingezogen worden, ebenso wie die Klinkerfassade des bestehenden Hauptgebäudes auf der gegenüber liegenden Seite (im Bild nicht sichtbar). So begegnen sich Alt und Neu
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Tony Ott, Landshut)

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Ohne in bauhistorische Vorzeit verfallen zu wollen, wurde hier mit der Wahl einer vorgehängten Ziegelfassade das 70er-Jahre-Klinkermauerwerk der Bestandsbebauung aufgenommen und baustofflich aufgewertet
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Tony Ott, Landshut)

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Die Farbe des Klinkermauerwerks der Bestandsgebäud wurde bei der LONGOTON-Ziegelfassade der Treppenhäuser durch das Mischen von vier keramischen Farben angenähert: Bernstein, Rosé, Hellrot und Terrakottagelb
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Tony Ott, Landshut)

Wie so oft bei der Erweiterung, Sanierung und damit auch Modernisierung vorhandener Bausubstanz ging es u.a. um eine verträgliche Materialauswahl  zumal, wenn sie durch tradierte Baustoffe, beispielsweise Klinker, geprägt ist. Das Neue soll erkennbar sein, der Bestand seine Herkunft nicht verleugnen, und dennoch beides im Kontext zueinander stehen. Gelöst wurde diese Aufgabe durch eine vorgehängte hinterlüftete Fassade (VHF) mit Ziegelbekleidung, die auf die Klinkerfassade des bestehenden Hauptgebäudes verweist. Tradition und Moderne treffen hier aufeinander.

Im ersten Bauabschnitt ging es dabei um einen kompletten Neubau als Ersatz für das 40 Jahre alte Laborgebäude, das den funktionalen, räumlichen und vor allem aber auch den sicherheits- und brandschutztechnischen Anforderungen für zeitgemäße radiochemische Labornutzung nicht mehr entsprach.

Helle und leichte Materialien definieren den Laborbereich
Der Laborneubau erstreckt sich in nord-südlicher Richtung, parallel zu den westlichen Raumkanten der bestehenden Gebäude. Über eine neue Eingangshalle wird die Verbindung zu dem Haupthaus, einem rotbunten Klinkerbau aus den 70er Jahren, hergestellt. Alle Laborräume des Neubaus sind nach Westen orientiert, d.h. zu der den Bestandsgebäuden hin abgewandten Seite. Entsprechend frei waren die Architekten damit bei der Gestaltung dieser Westfassade und konnten sich so ganz auf die funktionalen Anforderungen konzentrieren. Für den Wandaufbau der viel Licht benötigenden Laborräume wurde deshalb eine Pfosten-Riegel-Konstruktion gewählt mit durchgehender Verglasung zwischen Sturz und Brüstung. Die direkt unterhalb der Decke verlaufenden Oberlichtbänder lenken zusätzlich über entsprechend beschichtete Alu-Lamellen viel Tageslicht weit hinein in die 8 Meter tiefen Laborräume. Die übrigen Glasflächen sind unterteilt in emallierte, feststehende Elemente und manuell zu öffnende Fenster mit Sonnen- und Blendschutz innerhalb der Isolierverglasung. Stürze und Brüstungsbänder wurden als Wärmedämmverbundsystem ausgeführt.

Farbigkeit und Massivität stehen für die übergeordneten Bauteile
Anders als bei dem Laborgebäude verhält es sich bei dessen giebelseitigen Treppenhäusern. Hier setzte die unmittelbare Nachbarschaft zu der Bestandsbebauung die Maßstäbe. Die Materialität des vorhandenen Klinkermauerwerks sollte wieder aufgenommen werden, ohne damit in eine bauhistorische Vergangenheit zu entgleiten. Die Architekten entschieden sich demzufolge für eine moderne vorgehängte Ziegelfassade der Moeding Keramikfassaden GmbH, Marklkofen, und im Speziellen für die Longoton-Hochformatausführung, um so die vertikale Gliederung der Westfassade des Laborneubaus auch in diesem Gebäudeteil erkennbar aufzugreifen. Daraus resultierten dann auch die großen Abmessungen der hier verwendeten, senkrecht verarbeiteten geschoßhohen Platten: 2460 mm als Entsprechung für die Glas/Wand-Elemente und 1240 mm für die Brüstungshöhen. Die Breite der Platten beträgt einheitlich 200 mm. Die Farben dieser modernen Keramik-Bekleidung sind dem Ziegelmauerwerk der Bestandsbebauung angenähert, indem die vier Beige- bzw. Rottöne - Bernstein, Rosé, Hellrot und Terracottagelb - in ihren prozentualen Anteilen entsprechend gemischt wurden mit einem besonderen Augenmerk darauf, dass gleichfarbige Platten niemals unmittelbar nebeneinander bzw. übereinander stehen. Montiert ist diese wärmegedämmte und hinterlüftete Ziegelfassade auf horizontalen Aluminium-Tragprofilen.

Die Eingangshalle, schließlich, vermittelt baustofflich zwischen Altbau und Neubau, zwischen Bestandsarchitektur und ihrer zeitgemäßen Interpretation. Die Fassadenbekleidungen der angrenzenden Baukörper - die vertikale Ziegelplattenbekleidung des südlichen Treppenhauses bzw. die Klinkerschale des bestehenden Hauptgebäudes - sind in den über zwei Geschosse zur Eingangsseite hin voll verglasten Halleninnenraum hineingezogen worden,- fließender Übergang zwischen Innen und Außen. Alt und Neu begegnen sich mit angemessenem Respekt.

Der Wechsel in der Fassadengestaltung - massives, farbintensives Material einerseits, neben den leichten Wärmedämmverbund-Wänden im Wechsel mit viel Glas auf der anderen Seite, macht die Nutzung des Gebäudes ablesbar. Die weiße Fassade mit ihren durchlaufenden Fensterbändern schiebt sich zwischen die beiden massiven Klinkerbauwerke und signalisiert so die Hauptnutzung als radiochemisches Labor, deutlich gegenübergestellt den eher repräsentativen Büro- und Erschließungsflächen.

Projektdaten

Projekt: Neubau und Sanierung der Gebäude des Instituts für Radiochemie
Standort: Garching bei München
Architekt: golling + preiss, München
Projektleitung: Tanja Ristic
Bekleidungswerkstoff: Ziegelplatten
Befestigung: horizontale Aluminium-Tragprofile
Verarbeiter: MOEDING Keramikfassaden GmbH, Marklkofen
Fotograf: Tony Ott, Landshut

 
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