Zurückhaltende Großzügigkeit - elegant integriert

Erweiterung des Bayerischen Landtags im Maximilianeum in München

Präzise eingepasst, gestalterisch zurückhaltend - so fügt sich der Erweiterungsbau des Bayerischen Landtags im Nordhof des Maximilianeums nach dem Entwurf der Berliner Architekten Léon Wohlhage Wernik mit seiner Fassade aus Keramikplatten und unprätentiöser Geometrie in das reiche Ensemble historischer Monumentalität: Ein kubischer Körper als letztes Passstück zwischen dem Maximilianeum Friedrich Bürkleins aus den Jahren 1847 bis 1884, dem nördlichen Erweiterungsflügel Helmut Gebhards von 1965 sowie dem 1994 abgeschlossenen, daran angrenzenden Anbau von Volker Staab und Jürgen Pleuser. Daneben schafft der jetzige Neubau mit seiner klaren Figur und körperlichen Präsenz dennoch einen eigenständigen Abschluss.

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Mit seiner Fassade aus Keramikplatten und der klaren geometrischen Figur fügt sich der Neubau in die historische Umgebung. Die Auskragung des Obergeschosses ist zugleich selbstbewusster Akzent.
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Stefan Müller-Naumann, München)

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In dem Ensemble historischer Monumentatiltät nimmt sich der neue Erweiterungsbau gegenüber dem Maximilianeum aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich zurück.
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Stefan Müller-Naumann, München)

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Die hoch-wärmegedämmte Fassade ist mit profilierten Keramikplatten bekleidet, die in Verbindung mit einer fassadenbündigen Verglasung die skulpturale Präsenz des Baukörpers herausstellen.
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Stefan Müller-Naumann, München)

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Der innere Kern des Gebäudes, der der Erschließung und den Serviceräumen vorbehalten ist, wird gegenüber der ansonsten zurückhaltenden Gestaltung der warm-roten Holzvertäfelung hervorgehoben.
Foto: MOEDING Keramikfassaden GmbH (Stefan Müller-Naumann, München)

Im Einklang mit dem Denkmal
Der beschränkte Platz auf dem Grundstück erforderte einen kompakten Baukörper. Seine nördliche Ausrichtung ist hier ein Novum; dennoch stört sie nicht die bisherige ost-westliche Symmetrie-Achse und überschreitet auch an keiner Stelle die historische Rahmung, auch nicht durch den 1,75 m auskragenden Sitzungssaal im obersten Geschoss. In der Umgebung ausdrucksstarker historischer Gebäude nimmt sich der Erweiterungsbau gegenüber dem Maximilianeum zurück. Lediglich der leicht hervortretende Sitzungssaal signalisiert „das Neue“ und gibt zugleich dem Gebäudepart eine eigene städtebauliche Präsenz. Material, Farbe und Textur der Fassade, hier modern interpretiert in Gestalt einer vorgehängten und hinterlüfteten Keramikbekleidung, aber auch die Fensterhöhen und Öffnungstiefen sind dem Bestand entlehnt, um so einen harmonischen Übergang und ein nachhaltig gültiges Zusammenspiel zu entwickeln. Der gleichmäßige Rhythmus der Fenster wird einzig durch die übergroßen Formate im Sitzungssaal verändert, was der Bedeutung dieses Raumes auch in der Architektur Ausdruck verleiht.

Vorgehängte keramische Fassade
Die Konstruktion der Fassade spiegelt die gestalterische Idee und die Angemessenheit innerhalb des historischen Umfeldes wieder, berücksichtigt aber zugleich die wirtschaftlichen und technischen, und hier insbesondere die nachhaltig energetischen Erfordernisse. Damit wurden bereits einige wichtige Ziele des Projektes erfüllt. Die hochwärmegedämmten Fassaden sind mit profilierten Keramikplatten bekleidet und erzeugen, in Verbindung mit der fassadenbündigen Verglasung, die skulpturale Präsenz des Baukörpers. In der Gesamtansicht wechseln sich die vertikalen Fensterelemente mit den großen Keramikfeldern ab. In der Nahansicht hebt die Fassade zusätzlich ihr horizontal gegliedertes Relief hervor. Die Platten wurden speziell für dieses Objekt von der Moeding Keramikfassaden GmbH in Marklkofen entwickelt und geliefert. Zwei unterschiedlich breite Relieffugen, angeordnet im wechselnden Rhythmus auf der Plattenoberfläche, lassen, trotz Einfarbigkeit des keramischen Materials (terracotta-beige), ein zufällig wirkendes, lebendiges und nuanciertes Bild entstehen; ihr Schattenwurf lässt die Fassade plastisch erscheinen. Unterstützt wird dieser Effekt durch die Verwendung von Keramikplatten in drei verschiedenen Höhen (20, 50 und 80 cm), die in scheinbar willkürlicher Abfolge über die Fläche verteilt worden sind.
Montiert sind die Platten, die je nach konstruktiven Vorgaben in Längen von 80 bis 185 cm gefertigt und geliefert wurden, mit dem von MOEDING entwickelten Rapid-System auf einer Aluminium-Unterkonstruktion, d.h. die Durchführung der Gewerke »Unterkonstruktion« (einschließlich Plattenhalter) und »Einhängen der Platten« konnte unabhängig voneinander und damit zeitsparend erfolgen. Die 22cm starke Wärmedämmung (das Gebäude erfüllt den Passivhaus-Standard!) ist dabei zwischen den vertikalen Grundprofilen der Unterkonstruktion angeordnet.

Zusammenfassung der Abgeordnetenbüros an einem Ort
Das sechsgeschossige Gebäude erfüllt den weiteren Bedarf an Büros für die Abgeordneten der nunmehr fünf im Landtag vertretenden Fraktionen, sowie an einem Konferenzsaal. Auf vier Etagen ordnen sich die Büros um einen zentralen Erschließungs- und Servicekern an, der durch eine warm-rote Holzverkleidung hervortritt und mit der ansonsten zurückhaltenden Gestaltung kontrastiert. In dem neuen Sitzungssaal im 4. Obergeschoss, nach außen ablesbar durch seine Auskragung, wird dann dieser rot vertäfelte Kern zur Stirnseite des Raumes. Durch hohe Fenster hat man dreiseitig einen Ausblick über die Isarauen. Über Brückenbauwerke waren die Funktionsbüros im sog. Gebhard-Bau bereits vorher schon mit dem historischen Gebäude verbunden. Durch einen direkten Anschluss an dieses Bestandsgebäude ist nun auch der Neubau in den Gesamtkreislauf des Landtages integriert. Als Ersatz für das zu Gunsten des Neubaus abgerissene Schwimmbad wurde jetzt in dem in den Garten hineingeschobenen Untergeschoss eine neue Fitness-Anlage mit Sauna geschaffen.

Ebenso wie bei den früheren Erweiterungsbauten des Maximilianeums wurde auch hier wieder deutlich gemacht, wie gestalterische Zurücknahme und architektonische Eigenständigkeit in der unmittelbaren Nachbarschaft eines monumentalen Denkmals gedanklich möglich und architektonisch machbar sind.

Projektdaten

Projekt: Erweiterung des Bayerischen Landtages im Maximilianeum in München
Bauherr: Staatliches Bauamt München 2
Bauleitung: BM.C Baumanagement GmbH, München
Standort: Maximilianeum / Max-Planck-Straße 1, München
Architekt: Léon Wohlhage Wernik, Berlin (Leistungsphasen 1-5 und Teile von 8)
Bekleidungswerkstoff: Keramikplatten (Farbe: terracotta-beige)
Unterkonstruktion: Aluminium
Verarbeiter: MOEDING Keramikfassaden GmbH, Marklkofen
Bruttogeschossfläche: 4.300 qm (8 Geschosse, davon 6 oberirdisch)
Planungszeit: 2009 bis 2011
Baubeginn Neubau: 2010
Fertigstellung: 2012
Fotograf: Stefan Müller-Naumann, München

 
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